Langstreckenrennen – Die Geschichte vor dem Krieg: 1927-1939

Die Geschichte der Rennsportwagen und ihrer Wettbewerbe beginnt in den 1920er Jahren mit der schrittweisen technischen und optischen Trennung zwischen Rennwagen (Grand Prix-Formel) und Sportwagen. Die Kategorie „Sportwagen“ ist überwiegend (aber nicht durchgängig) mit der Idee der Langstreckenrennen verbunden. Die berühmtesten Sportwagenrennen der letzten 100 Jahre und die wichtigsten Meisterschaften waren meist Langstreckenrennen bzw. Endurance-Meisterschaften, angefangen mit den 24 Stunden von Le Mans (ab 1923) und Spa (ab 1924) sowie der Mille Miglia (ab 1927) und nach dem Krieg mit der Sportwagen-Weltmeisterschaft ab 1953.

Vor dem Ersten Weltkrieg gab es eine solche Trennung im Motorsport nicht. Die Rennen waren fast ausschließlich Langstreckenprüfungen über Schotterpisten von Stadt zu Stadt oder auf abgesperrten Straßen über wenige sehr lange Runden. Sie erforderten robuste Fahrzeuge, oft mit Kotflügeln, immer mit zwei Sitzen (ein Beifahrer war oft vorgeschrieben) und für die An- und Rückfahrt auf eigener Achse natürlich ausgestattet mit allen im öffentlichen Verkehr notwendigen Teilen: Aus heutiger Sicht waren es also eher Sport- als Rennwagen.

1906-1911: Rennwagen oder Sportwagen? Von links: Itala (1907, Franklin Mint) / A.L.F.A. Corsa 24 HP (1911, Brumm) / Renault Grand Prix (1906, Brumm)

Auch in den 1920er Jahren waren die Unterschiede zwischen Grand Prix- und Sportwagenrennen und zwischen den jeweils eingesetzten Fahrzeugen noch relativ klein. Grand Prix-Rennwagen mussten bis 1924 mit Fahrer und Beifahrer besetzt sein, waren also Zweisitzer.

Alfa Romeo RL SS, Sieger Targa Florio 1923: Rennwagen oder Sportwagen? (Modell von Metro)

Erst mit dem Alfa Romeo P3 von 1932 wurde das „Monoposto-Prinzip“ populär. Und die Grand Prix-Distanzen lagen damals meist zwischen 6 und 10 Stunden, es waren also echte „Endurance-Rennen“, anders als in der aktuellen Formel  1-Szene. Der berühmte Alfa Romeo 8C konnte in den 1930er Jahren – wie andere Rennfahrzeuge auch – als Rennwagen, nach geringen Umbauten aber auch als Sportwagen eingesetzt werden, und an der Targa Florio nahmen gleichzeitig Renn- und Sportwagen teil: Der Sizilien-Klassiker, die älteste Langstreckenprüfung im Automobilsport, war also in den Jahren vor dem Krieg kein Sportwagenrennen, die Gesamtsieger waren fast immer Grand Prix-Rennwagen.

Die Langstreckenrennen der 1920er und 1930er Jahr können tatsächlich als eine historische Fortsetzung der heroischen Prüfungen vor dem Ersten Weltkrieg angesehen werden – es waren reine Straßenrennen (z.B. Mille Miglia) oder Rundstreckenrennen auf Straßenkursen mit relativ langen Runden: Le Mans (13 km), Spa (14 km) oder die Tourist Trophy (Ards-Rennkurs: 22 km) waren neben der Mille Miglia wichtige internationale Endurance-Prüfungen, außerdem fanden auf dem englischen Brooklands-Rennoval Langstreckenrennen statt (z.B. „Brooklands Double“, zweimal 12 Stunden). Die britischen Klassiker waren allerdings wie dort üblich Handicap-Rennen, der Siegerwagen war nicht notwendig das schnellste Fahrzeug.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg gab es noch Rennen, die der alten Tradition folgten. Die Mille Miglia wurde bis 1957 veranstaltet, die „Carrera Panamericana Mexico“ war in den Jahren 1952-1954 ein wichtiger Termin im Sportwagenkalender (1950/51 war das Rennen noch auf Tourenwagen beschränkt), ein reines Straßenrennen über mehrere Tage, mit fünf Etappen und insgesamt mehr als 3000 km. Und die sizilianischen Rennen (Giro di Sicilia, Targa Florio), die nach dem Krieg den Sportwagen vorbehalten waren, folgten ebenfalls der Tradition. Die Targa war bis 1973 das letzte Relikt mit einer Rundenlänge von über 70 km. Mit der Einführung der Sportwagen-WM im Jahr 1953 kamen als neues Maß für Endurance-Distanzen die 1000 km (oder 6 Stunden) hinzu. Diese „mittlere“ Distanz setzte sich im Verlauf der 1950er und 1960er Jahre immer mehr durch und bildet auch heute den Standard in der WEC (World Endurance Championship, seit 2012).

Zurück zu den Anfängen: Die 1920er und 1930er Jahre

Die Minerva-Webseite befasst sich im Wesentlichen mit dem Langstrecken-Motorsport für Sportwagen, Prototypen und GT und mit den entsprechenden Modellen im Maßstab 1/43 aus der „Minerva-Modellsammlung“. Der Schwerpunkt dieser Kollektion und der zugehörigen Berichte lag lange Zeit auf den Jahren nach 1946. Seit ein paar Jahren rücken hier zusätzlich die Sportwagenrennen vor dem Krieg in den Fokus, begleitet von Modellen dieser Epoche. Mittlerweile sind einige Berichte aus der Vorkriegsgeschichte abrufbar, darunter insbesondere ein Bericht zu den Motorsport-Jahren 1937-1939 sowie zu den Protagonisten dieser Epoche, Alfa Romeo, Bentley, Bugatti, Mercedes-Benz oder Talbot (einige Links auf dieser Webseite werden am Ende des Beitrags genannt).

1930 und 1939 – nur neun Jahre liegen zwischen diesen beiden Sportwagen: Alfa Romeo 6C 1750, Mille Miglia-Sieger 1930 (Special C) / Bugatti T57C, Le Mans-Sieger 1939 (IXO)

Die Szene internationaler Endurance-Rennen entwickelte sich in den 1920er Jahren um die beiden wichtigsten Prüfungen Le Mans und Mille Miglia, ohne dass die oberste Renninstanz (AIACR, Vorgängerin der FIA) eine organisierte Rennserie in Form einer Welt- oder Europameisterschaft installierte. So ist die hier im Folgenden gewählte Liste der jährlichen Langstreckenrennen (siehe Liste: 63 Rennen über die Jahre 1927-1939) keine feste Größe, sondern eine Auswahl, über die man trefflich diskutieren kann, und zwar vor allem aus drei Gründen:

(1) Die Kategorie „Langstrecke“ gilt in der modernen Sportwagenszene für Rennen ab 6 Stunden oder 1000 km. In der Liste der Epoche 1927-1939 werden hier in einer etwas großzügigerer Weise Rennen ab 400 km aufgeführt, es geht hier also um Rennen mittlerer und langer Distanzen.

(2) Anders als in der Zeit ab etwa 1950 waren viele Rennen in der hier behandelten Epoche hinsichtlich der teilnehmenden Fahrzeuge stark national geprägt – das galt auch für die Mille Miglia oder für Le Mans in den 1920er und frühen 1930er Jahren oder für die Rennen auf den britischen Inseln. Die im Folgenden gewählte Auswahl der Langstreckenrennen legt die Forderung „international“ daher recht generös aus. Nur einige Veranstaltungen, die sich vollständig auf inländische Teilnehmer beschränkten, werden hier ausgeschlossen, z.B. die Targa Abruzzi (Italien) oder die Brooklands-Rennen ab 1931.

(3) Die Wertung der Rennen in Großbritannien und Irland war meistens eine „Handicap“-Wertung, kleinere Fahrzeuge bekamen einen Bonus zugeschrieben. In der Aufstellung der Gesamtsieger (siehe Liste) wurde hier immer das absolut schnellste Fahrzeug genannt, der Sieger in der Handicap-Wertung  („H“) folgt dahinter in Kursivschrift.

Im Übrigen bestand das jährliche Sportwagenprogramm auf der Langstrecke nicht nur aus Veranstaltungen, die über die gesamte Zeit fast durchgängig stattfanden (Mille Miglia, Le Mans, Spa, Tourist Trophy), sondern auch aus vereinzelt ausgetragenen Rennen, z.B. Irish Grand Prix, 12 Stunden von Paris oder 12 Stunden von Donington.

Auf Basis der genannten Liste der Langstreckenrennen lässt sich die Geschichte anhand der Sieger in den 13 Jahren vor dem Krieg zusammenfassen.

Alfa Romeo, Bentley, Bugatti, Mercedes-Benz – die Sportwagen-Stars der Jahre 1927-1939

Die Gesamtbilanz ist bei den Herstellern eindeutig: Alfa Romeo gewann 25 der 63 Rennen, das waren fast 40%. An zweiter Stelle folgt Bentley mit 13 Siegen (20% aller Rennen). Die weiteren erfolgreichen Hersteller liegen dann schon deutlich zurück: Bugatti (6 Siege), Mercedes-Benz (5), Talbot (4) und Delahaye (3).

Betrachtet man die einzelnen Typen, die die Hersteller in der Zeit 1927-1939 eingesetzt haben, kann man die Resultate – gemessen an den Rennsiegen – in drei Perioden einteilen. In den Jahren 1927-1931 gewannen die Bentley (3 Litre, 4 ½ Litre und Speed Six) zusammen 13 Rennen, darunter der 4 ½ Litre sechs und der Speed Six fünf Rennen.

Bentley 3 Litre, Sieger in Le Mans 1927 (Benjafield-Davis), Modell von IXO

Bentley 4,5 Litre, Le Mans-Sieger 1928 (Barnato-Rubin), Modell von IXO

Der Alfa Romeo 6C siegte siebenmal (darunter fünf Siege des 6C 1750 und zwei des 6C 1500) und die Mercedes-Benz S-Reihe (SS, SSK, SSKL) zusammen fünfmal.

Alfa Romeo 6C 1750 GS, Mille Miglia-Sieger 1930 (Nuvolari), Modell von Special C

Mercedes-Benz SSK, Grand Prix Ireland 1930, Caracciola (Modell auf Basis Solido)

Die folgenden Jahre 1931 bis 1934 standen dann ganz im Zeichen des 1931 erstmals eingesetzten Alfa Achtzylinders: Der 8C 2300 holte in diesen vier Jahren elf Gesamtsiege (dazu kam ein Erfolg des 8C 2600). 1932 und 1933 gewannen die 8C alle acht Langstreckenrennen – eine totale Dominanz und ein erstaunliches Ergebnis, wenn man sich die unterschiedlichen Typen der Rennstrecken vor Augen führt.

Alfa Romeo 8C 2300 Mille Miglia, Mille Miglia-Sieger 1932, Borzacchini (Modell: Brumm)

Alfa Romeo 8C 2300, links Rennversion Mille Miglia 1932, rechts Straßenversion, beide Fahrzeuge von Touring. Modelle von Brumm und Spark

Die zweite Hälfte der 1930er Jahre (1936-1939) war von der Renaissance der französischen Hersteller geprägt: Bugatti (5 Siege), Talbot (4) und Delahaye (3) holten zusammen 12 Siege in den 19 Rennen dieser vier Jahre.

Bugatti T57G, Le Mans-Sieger 1937 (Wimille-Benoist), Modell von IXO

Talbot T150C, Le Mans 1938, Carriere-LeBegue, Modell von Manou

Talbot T26SS, Le Mans 1938, Etancelin-Chinetti (Modell von Spark)

Delahaye 135CS, Le Mans-Sieger 1938 (Chabout-Tremoulet), Modell von IXO (Kiosk-Serie)

Alfa schaffte mit den neuen Achtzylinder-Modellen 8C 2900 (A und B) fünf Siege, darunter drei bei der Mille Miglia. Der Alfa 8C 2900B und der Bugatti T57 waren in den letzten Jahren vor dem Krieg die modernsten Rennsportwagen, sie bildeten außerdem die Basis für die exklusivsten, schnellsten und schönsten Luxus-Sportwagen dieser Zeit.

Alfa Romeo 8C 2900A, Mille Miglia-Sieger 1937 (Pintacuda), Modell von FB Model.

Alfa Romeo 8C 2900B Spider Corsa, Mille Miglia-Sieger 1938 (Biondetti), Modell von Brumm

Ein Titel für den jeweils erfolgreichsten Hersteller einer Saison wurde von der Rennbehörde AIACR nicht vergeben. Anhand der Liste der Sieger in den Langstreckenrennen (unter besonderer Beachtung der beiden wichtigsten Rennen, Le Mans und Mille Miglia) könnte man sich folgende Titelträger vorstellen: 1927-1929 Bentley, 1930 Alfa, 1931 Mercedes-Benz, 1932-1934 und 1936 Alfa, 1937 Bugatti und 1938 Alfa. Die Jahre 1935 und 1939 sind unbestimmt.

Lagonda M45 Rapide, Le Mans-Sieger 1935 (Hindmarsh-Fontes), Modell von IXO

Lagonda V12 Rapide, Le Mans 1939 (Dobson-Brackenbury), Modell von MCM

Eine Übersicht nennt die erfolgreichen Rennsportwagen der Epoche mit einigen technischen Daten und den wichtigsten Rennsiegen.

Die erfolgreichsten Sportwagen-Piloten

Die Rangliste der Piloten mit drei und mehr Siegen in den Langstreckenrennen der Jahre 1927-1939 ist ein Spiegelbild der oben genannten Hersteller, die der Rennszene in dieser Zeit den Stempel aufgedrückt haben.

Barnato – Nuvolari – Wimille: Bentley Speed Six, Le Mans-Sieger 1930 / Alfa Romeo 8C 2300 Le Mans-Sieger 1933 Modell von MCM / Bugatti T57C, Le Mans-Sieger 1939, Modell von IXO

Woolf Barnato, Tazio Nuvolari, Jean-Pierre Wimille: Die drei mit je fünf Gesamtsiegen erfolgreichsten Fahrer waren eng mit den Herstellern Alfa Romeo, Bentley und Bugatti verbunden, es waren außerdem drei bemerkenswerte Persönlichkeiten.

Woolf Barnato (1895-1948) war der wichtigste der berühmten „Bentley Boys“ der Jahre 1927 bis 1930, besonders bei Bentleys Langstrecken-Einsätzen extrem erfolgreich und als äußerst vermögender Erbe (Diamanten- und Goldminen in Südafrika) der finanzielle Rückhalt von Bentley Motors. Er investierte große Beträge seines Vermögens in die Firma und wurde Eigentümer und Chairman, W. O. Bentley war quasi sein Angestellter. Seine drei Le Mans-Einsätze 1928-1930 führten zu drei Gesamtsiegen mit dem Bentley 4 ½ Litre und dem Speed Six, eine bis heute (2026) unerreichte 100%-Quote. Außerdem war er zweimal in Brooklands erfolgreich. Der Rückzug seines Vermögens aus der Firma (1931) führte zum Bentley-Konkurs und zur Übernahme durch Rolls Royce.

Bentley Speed Six, Le Mans-Sieger 1930 (Barnato-Kidston), Modell von SMTS

Tazio Nuvolari (1829-1953), der „fliegende Mantuaner“, war schon zu Lebzeiten eine Legende und gilt noch heute als einer der besten Rennfahrer der Geschichte. Seine Karriere im Autosport reichte von 1924 (nach seinen Erfolgen mit dem Motorrad) bis 1950 und umfasste viele Grand Prix-Siege und Erfolge mit dem Sportwagen. Bei den Grands Prix wechselte er von Bugatti über Alfa Romeo und Maserati bis zur Auto Union, die fünf Gesamtsiege bei den großen Sportwagenrennen holte er ausschließlich mit Alfa Romeo: Dreimal bei der Mille Miglia (1930, 1932 und 1933), einmal in Le Mans (1933) und einmal bei der Tourist Trophy (1930). Unter den etablierten Grand Prix-Piloten war er der erfolgreichste Fahrer in der Sportwagen-Szene und damit einer der großen „Allrounder“ der Renngeschichte.

Alfa Romeo 8C 2300, LeMans-Sieger 1933 (Nuvolari-Sommer), Modell von MCM

Jean-Pierre Wimille (1908-1949) ist vielleicht nicht so berühmt wie Nuvolari, die Rennkarriere des Parisers und seine Geschichte in den Kriegsjahren ist aber nicht weniger bemerkenswert. Er kam schon mit 22 zum Grand Prix-Sport (1930) und blieb bis 1939 fast durchweg Stammpilot bei Bugatti, sowohl bei den Grand Prix-Rennwagen (T51, T59) als auch bei dem ab 1936 neu für die französische Sportwagen-Renaissance aufgelegten T57. Die größten Sportwagen-Erfolge waren die beiden Le Mans-Siege 1937 und 1939 und der Sieg beim Grand Prix des A.C.F. 1936, ausgeschrieben für Sportwagen. Nach dem Krieg kam Wimille als Werksfahrer zu Alfa Corse und holte sich 1947/48 mit der Alfetta (Tipo 158) mehrere Große Preise (Schweiz, Belgien, Frankreich, Italien). Er war im berühmten Alfa-Team mit Varzi, Trossi und Sanesi wohl der Schnellste, designierter Favorit auf den ersten Formel 1-WM-Titel 1950. Sein tödlicher Unfall in Buenos Aires 1949 verhinderte eine mögliche Krönung seiner Laufbahn.

Bemerkenswert war aber auch seine Rolle während der Besetzung Frankreichs durch die Wehrmacht (1940-1944). Er war zusammen mit seinen Rennfahrer-Kollegen Benoist und Grover-Williams Mitglied der SOE (Special Operations Executive of Britain), die die Resistance-Bewegung unterstützte. Und im Gegensatz zu den Beiden konnte er sich knapp dem Zugriff, der KZ-Internierung und der Exekution durch die SS entziehen.

Bugatti T57C, Le Mans-Sieger 1939 (Wimille-Veyron), Modell von IXO

Henry Birkin und Raymond Sommer – vier Siege in Langstreckenrennen

Henry („Tim“) Birkin (1896-1933) war ab 1927 einer der „Bentley Boys“, neben Barnato vielleicht der prominenteste und wohl auch der schnellste. Nach Siegen mit dem Bentley 4 ½ Litre in Brooklands holte er sich 1929 zusammen mit Barnato mit dem Speed Six den Gesamtsieg in Le Mans und startete im folgenden Jahr dort mit dem von ihm initiierten legendären „Blower“, der zwar schnell, aber nicht für 24 Stunden Dauerbelastung ausgelegt war. Nach dem Abschied von Bentley Motors vom Motorsport wechselte er zu Alfa Romeo und gewann mit dem 8C 2300 zusammen mit Earl Howe erneut in Le Mans. Ein Rennunfall führte 1933 zu nachfolgenden Komplikationen, die Birkin nicht überlebte.

Alfa Romeo 8C 2300, Le Mans-Sieger 1931, Earl Howe-Birkin (Modell von IXO)

Raymond Sommer (1906-1950), „Coeur de Lion“ (Löwenherz), war neben Wimille Frankreichs erfolgreichster Pilot der 1930er Jahre. Das galt vor allem bei den Sportwagen, während seine Bilanz bei den Grand Prix Rennen aufgrund der Dominanz der deutschen Silberpfeile (Mercedes-Benz und Auto Union) ohne große Höhepunkte blieb. Es begann mit zwei Paukenschlägen, den beiden Siegen in Le Mans mit seinem Alfa Romeo 8C 2300: 1932 fast in Alleinfahrt und 1933 als Partner des großen Nuvolari. Es folgte im selben Jahr ein zweiter Platz bei den 24 Stunden von Spa. Sommer war in beiden Kategorien, Grand Prix und Sportwagen, mehrheitlich mit Alfas unterwegs, startete aber bei Sportwagenrennen in Frankreich auch mit Bugatti, so beim Sieg im Grand Prix des A.C.F. für Sportwagen 1936 (Bugatti T57G, Kopilot Wimille), oder mit dem Talbot T150C, mit dem er 1937 französischer Meister wurde. 1938 gelang ihm zusammen mit Biondetti fast der dritte Le Mans-Sieg: Ihr Alfa Romeo 8C 2900B Coupé fiel, weit in Führung liegend, nach über 20 Stunden aus. Seine Nachkriegskarriere endete 1950 – nach Starts mit den ersten Ferraris (ab 1947) sowie mit Gordini oder Talbot – mit seinem tödlichen Unfall in einem unbedeutenden Formel 2-Rennen.

Alfa Romeo 8C 2900B Touring Berlinetta, Le Mans 1938 (Biondetti-Sommer), Modell von Minichamps

Rudolf Caracciola und Luigi Chinetti – drei Siege in Langstreckenrennen

Rudolf Caracciola (1901-1959) war der erfolgreichste Pilot im europäischen Grand Prix-Sport in den 1930er Jahren, und er war in den damals populären Motorsport-Bereichen Grand Prix, Sportwagen und Bergrennen der bei weitem erfolgreichste Pilot zwischen den Kriegen in Deutschland. Im Einzelnen: 12 Siege in den klassischen Grands Prix in der Zeit 1932-1939  /  6 Siege bei den Großen Preisen von Deutschland zwischen 1926 und 1939, z.T. mit Grand Prix-Rennwagen, z.T. mit Sportwagen  /  3 Siege bei berühmten Sportwagenrennen: Tourist Trophy 1929, Irish Grand Prix 1930, Mille Miglia 1931  /  3 Grand Prix- Europameisterschaften (1935, 1937, 1938). Die Zeitspanne, in der Caracciola Rennen fuhr, reichte von 1922 bis 1952 und im Kern von 1926 bis 1939. Über die meisten Jahre war er Werksfahrer bei Mercedes-Benz. Ein ausführlicher Bericht zu Rudolf Caracciola kann hier aufgerufen werden.

Mercedes-Benz SS, Le Mans 1930 (Caracciola-Werner), Modell von MCM

Mercedes-Benz SSKL, Mille Miglia-Sieger 1931, Caracciola (Modell auf Basis Solido)

Luigi Chinetti (1901-1994) verließ seine faschistische Heimat Italien und ging in den 1920er Jahren nach Frankreich, war dort Verkäufer, Mechaniker und Rennfahrer bei Alfa Romeo. 1932 startete er erstmals zusammen mit Raymond Sommer mit dem Alfa Romeo 8C 2300 in Le Mans und gewann das Rennen auf Anhieb. 1933 wurde er dort knapp geschlagen Zweiter und gewann mit Louis Chiron bei den 24 Stunden von Spa, wieder mit dem Alfa Romeo 8C. Im folgenden Jahr 1934 holte er sich dann zusammen mit dem Franzosen „Phi-Phi“ Etancelin mit Alfa den zweiten Le Mans-Sieg. 1940 verließ Chinetti das besetzte Frankreich und ging in die USA und wurde 1946 amerikanischer Staatsbürger. Durch seine Verbindung mit Enzo Ferrari war Chinetti einer der ersten, der die Neukonstruktionen Ferraris in den Rennen der frühen Nachkriegsjahre einsetzen durfte. Er gewann 1948-1951 mehrere Endurance-Klassiker, darunter die 24 Stunden von Le Mans 1949 mit dem Tipo 166 – Ferraris erster Sieg dort und Chinettis dritter Erfolg. Er war der einzige Pilot, der das Rennen vor und nach dem Krieg gewann.

Alfa Romeo 8C 2300 LM, LeMans-Sieger 1934 (Etancelin-Chinetti), Modell von IXO

Ebenso wie Chinetti war Carlo M. Pintacuda (1900-1971) vor dem Krieg mit Alfa Romeo erfolgreich, vor allem bei den Sportwagen: Er siegte zweimal bei der Mille Miglia, 1935 mit dem Alfa P3 (Tipo B) und 1937 mit dem 8C 2900A, sowie einmal in Spa (1938) mit dem Alfa Romeo 8C 2900B.

Alfa Romeo 8C 2900A, Mille Miglia-Sieger 1937, Pintacuda (Modell von FB Model)

Earl Howe (alias Francis Curzon, 1884-1964) gewann 1932 sowohl mit Alfa Romeo (8C 2300) in Le Mans als auch mit Mercedes-Benz (Typ SS) beim Irish Grand Prix und 1933 erneut mit Alfa bei der Tourist Trophy. Attilio Marinoni (1892-1940) war mit dem Alfa 6C 1928-1930 dreimal bei den 24 Stunden von Spa erfolgreich.

Modelle in 1/43

Eine Übersicht über 1/43-Modelle der wichtigen und erfolgreichen Sportwagen der Jahre 1927-1939 kann HIER aufgerufen werden. Die Tabelle ist unterteilt in professionell gefertigte Fertigmodelle mittlerer und hoher Stückzahlen (Diecast- und Resincast-Modelle) sowie in Kleinserien-Modelle und Bausätze.

Auf den ersten Blick sieht das Modellangebot recht gut aus, fast alle Felder der Tabelle sind – z.T. mehrfach – besetzt. Leider täuscht dieser Eindruck: Die Liste wurde unabhängig von der aktuellen Lieferbarkeit erstellt, und viele der genannten Modellhersteller sind schon lange nicht mehr aktiv, so dass es schwierig, manchmal sogar aussichtslos ist, einzelne Modelle noch aufzutreiben. Das gilt erwartungsgemäß nicht für die Le Mans-Sieger (Bentley, Alfa, Bugatti): Diese wurden zunächst von John Day (Metallbausätze), dann von Starter (Resine-Kits), dann von IXO (Diecasts) bzw. von preisgünstigen „Kiosk-Serien“ und schließlich von Spark aufgelegt und sind heute noch ausreichend im (Internet-) Handel aufzufinden.

Bei den älteren Diecast-Modellen sind Brumm oder Rio durchaus noch über den Internet-Handel oder auf Modellbörsen zu beschaffen, allerdings können diese Modelle mittlerweile nicht mehr mit den aktuellen Resincast-Modellen konkurrieren – zumindest sind mehr oder weniger umfangreiche Verbesserungen durch den Modellbauer sinnvoll (z.B. Speichenräder). Im Übrigen gab und gibt es vom Alfa Romeo 6C 1500 und vom Alfa 8C 2900A bislang kein Diecast- oder Resincast-Modell.

Bei den Kleinserien-Modellen und Bausätzen sind entweder eine dicke Brieftasche oder Modellbau-Geschick erforderlich (oder beides), und auch hier ist die Mehrzahl der in der Übersicht genannten Hersteller schon über viele Jahre (teils Jahrzehnte) nicht mehr aktiv. Immerhin fällt die Suche nach alten Kleinserien-Modellen im modernen Internet-Zeitalter etwas leichter, früher war man auf Modellbörsen oder kleine, spezialisierte Händler angewiesen. Wer heute z.B. seltene Alfa-Modelle sucht, kann auf der jährlichen „Auto e Moto d´Epoca Bologna“ (früher Padua) erfolgreich sein.

Bekannte Hersteller (Kleinserie/Kits) sind Starter, Provence Moulage oder die BBR-Familie, hier ist die Suche nach älteren Bausätzen oder Fertigmodellen durchaus erfolgversprechend. Darüber hinaus gibt es Spezialisten wie „FB Model“ (insbesondere Alfa Romeo) sowie MCM (oder der Nachfolger SLM43), fokussiert auf französische Sportwagen und Bentley (1930er Jahre und frühe Nachkriegszeit).

FB Model, benannt nach dem Gründer (1990) Franco Borin, ist eine italienische Modell-Manufaktur, die ihren Schwerpunkt auf Alfa Romeo und Mille Miglia und besonders auf die frühen Jahre des 20. Jahrhunderts und die 1930er Jahre legt. Das mittlerweile sehr umfangreiche Programm mit Modellen, die heute in großen Teilen nicht mehr lieferbar sind, kann man in einem Online-Katalog durchstöbern (lnx.fbmodel.it/wb-content). Das ist auch zu empfehlen, da die Qualität der Modelle schwankt und jedenfalls nicht das Niveau der deutlich teureren Kleinserien-Hersteller oder der aktuellen Resincast-Modelle erreicht. Aber viele Alfas gibt es eben nur bei Franco Borin, und die Modelle haben meist den Charme echter Handarbeit. Eine mögliche Bezugsquelle ist: „autoshow.at“.

Alfa Romeo 8C 2900A von „FB Model“

MCM war eine Serie von hervorragenden Bausätzen und Fertigmodellen aus dem Atelier von Christian Gouel (Frankreich), heute nur noch gelegentlich im Internet-Handel (Ebay) oder auf einschlägigen Veranstaltungen erhältlich. Die Serie „SLM43“ kam danach ebenfalls aus dieser Werkstatt.

Mercedes-Benz SS, Le Mans 1931, Platz 2 (Ivanowski-Stoffel), Modell von Spark

Im Segment der Kleinserien sind – die Sportwagen aus den 1920er und 1930er Jahren betreffend – noch einige Exoten zu nennen, zumal, wenn es um die Vorkriegs-Alfas geht, die bei der Mille Miglia am Start waren. Das Preisniveau ist hier bei den Fertigmodellen recht hoch: Autodelta43, A&G Modelli, ABC Brianza. Die Modelle von GCAM (Bausätze und Fertigbauten) sind jüngeren Datums und noch recht gut zu beschaffen, entweder direkt bei GCAM oder z.B. über Grand Prix Models in England. GCAM hat den  Themenschwerpunkt Le Mans, das schließt auch die Vorkriegsautos mit ein.

Links zu einschlägigen anderen Berichten auf dieser Webseite:

Alfa Romeo 8C 2900B 

Alfa Romeo 8C 2900B

Alfa Romeo 8C 2300

Bentley Speed Six

Bentley in Le Mans

Mercedes-Benz „S-Reihe“ (SS, SSK, SSKL)

Talbot T150C

Motorsport-Saison 1938

Alfa Romeo

Quellen

Bücher (u.a.): Cyril Posthumus, Classic Sports Cars, Hamlyn, 1980  /  Quentin Spurring, Le Mans The Official History of the World´s Greatest Motor Race, 1930-39, Evro Publ., Sherborne, 2017  /  Leonardi Acerbi, Mille Miglia – Immagini di una Corsa, A Race in Pictures, Giorgio Nada Editore, Milano, 2015  /  Giovanni Lurani, Mille Miglia 1927-1957, Automobile Year, Edita Lausanne 1981  /  William Boddy, The History of Brooklands Motor Course 1906-1940. Greenville Publ., London 1957 (rev. 1979)

Internet-Webseiten (u.a.): ultimatecarpage, racingsportscars

 

 

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