Langstreckenrennen 2015 im Überblick

Rückblick auf die Endurance-Rennen mit Beteiligung von Le Mans-Prototypen (LMP) und GT-Fahrzeugen (Stand Januar 2016)

2015 war das Jahr mit der vierten Rennsaison unter dem Regelwerk der „World Endurance Championship“ (WEC) und mit der zweiten Saison der neu gegründeten „United Sports Car Championship“ (USCC), deren Kern die „North American Endurance Championship“ (NAEC) bildet. Die Rennen sind gelaufen, die Trophäen sind vergeben.

Die wichtigsten Titel:
WEC, LMP1:
Hersteller: Porsche (344 Punkte) vor Audi (264) und Toyota (164)
Piloten: Hartley (Neuseeland) / Webber (Australien) / Bernhard (Deutschland), 166 Punkte,
vor Lotterer (D) / Tréluyer (Frankreich) / Fässler (Schweiz) (Audi), 161 Punkte.
Privatteams: Rebellion Racing (Schweiz), Rebellion R-One AER Nr. 12

WEC, LMP2:
Teamwertung: G Drive Racing (Russland), Ligier-Nissan Nr. 26 (178 Pkt.) vor KCMG (Hongkong), Oreca-Nissan Nr. 47 (155 Punkte)

WEC, GTE-Pro:
Hersteller: Porsche (290 Pkt.) vor Ferrari (286) und Aston Martin (192)
Team: Porsche Team Manthey, Porsche 911 RSR Nr. 91
Fahrer: Lietz (Österreich), Porsche Team Manthey, Porsche 911 RSR Nr. 91

NAEC, Prototypen:
Hersteller: Chevrolet
Team: Action Express Racing, Coyote Corvette DP (Startnr. 5), Barbosa (Portugal) und Chr. Fittipaldi (Brasilien)

NAEC, GTLM-Klasse:
Hersteller: Porsche
Team: Porsche North America: Porsche 911 RSR, Fahrer: Pilet (Frankreich)

WEC LMP1

Die LMP1-Klasse besteht seit 2014 aus zwei Kategorien, „LMP1-Hybrid“, mit den Werksteams Audi , Porsche und Toyota, sowie „LMP1-Light“ mit Privatteams ohne Energierückgewinnungstechnik (ERS) (Rebellion und Team Kolles mit dem CLM P1). In der Hybrid-Klasse traten die drei Hersteller mit Fahrzeugen an, die jeweils eigene Motor-Konzepte und ERS-Lösungen verfolgten, und sie schafften es dennoch, über die gesamte Saison spannende Rennen mit nur geringen Ausfallquoten abzuliefern. Am Ende holte Porsche fünf Siege in den sieben 6-Stundenrennen und als Krönung den Sieg in Le Mans, gegenüber zwei Erfolgen von Audi zum Saisonbeginn (Silverstone, Spa), damit holte Porsche den Markentitel und auch die Fahrerwertung.

Nach dem überlegen gewonnenen WEC-Titel 2014 und einer Reihe von Maßnahmen zur Weiterentwicklung des TS040 sah man bei Toyota eigentlich zuversichtlich der Saison 2015 entgegen. Tatsächlich schaffte man 2015 auch auf Anhieb um ca. zwei Sekunden schnellere Rundenzeiten als 2014. Aber mit dem weiterhin eingesetzten 3,7 Liter-V8-Turbo (Benziner) und derselben ERS-Klasse wie 2014 (6 Megajoule „MJ“ maximaler ERS-Energieverbrauch pro Le Mans-Runde) blieb dieser Entwicklungsschritt deutlich hinter der Aufrüstung bei Porsche und Audi zurück. Diese verbesserten ihre Rundenzeiten auf den kürzeren Rennkursen im Schnitt um drei bis vier Sekunden und in Le Mans sogar um fünf bis sechs Sekunden. Audi wechselte von der 2 MJ- in die 4 MJ-Klasse, blieb zwar beim 4,0 Liter-V6 Turbodiesel, aber die fünfte Generation unter dem Namen „R18“ hatte praktisch nichts mehr mit den R18 der ersten Jahre (2011, 2012) gemein. Porsche blieb ebenfalls bei seinem Motorkonzept (2,0 Liter-Vierzylinder-Reihenmotor, Benziner, Turbo) und auch weiterhin in der höchsten ERS-Klasse (8 MJ), der 919 Hybrid – vorgestellt 2014 – war aber die jüngste Konstruktion und hatte daher das größte Entwicklungspotential der drei Konkurrenten.

Bei den Trainingssitzungen zu den acht WSC-Rennen war die Hackordnung über das ganze Jahr gesehen eindeutig: Der schnellste Porsche lag immer vor dem schnellsten Audi und dieser lag immer vor dem besten Toyota. Der durchschnittliche Zeitabstand pro Trainingsrunde (für Le Mans wurde hier die Zeit halbiert) lag im Vergleich Porsche-Audi bei knapp 1,1 Sekunden und im Vergleich Audi-Toyota bei fast 1,4 Sekunden. Am Anfang der Saison konnte Audi diesen Rückstand im Rennen ausgleichen, insbesondere weil der Reifenverschleiß geringer war als bei Porsche, im weiteren Verlauf des Jahres gelang es Porsche aber diesen Nachteil abzubauen. Außerdem war die Boxenstandzeit der Stuttgarter pro Rennen durch Vorteile beim Spritverbrauch und bei der Betankung tendenziell etwas kürzer. In Le Mans fiel die Entscheidung zugunsten des „dritten“ Porsche mit Hülkenberg, Bamber und Tandy dann aber wie so oft in Le Mans dadurch, dass man unter allen Sieganwärtern über die 24 Stunden die geringsten Probleme hatte. Insbesondere das Duell gegen den schnellsten Audi mit Lotterer, Tréluyer und Fässler wurde über dieses Kriterium entschieden, denn auf der Rennstrecke waren beide Fahrzeuge etwa gleich schnell.

War noch was? Ach ja – die Nissan Story: Aber darüber decken wir besser den Mantel des Schweigens, zumal die Geschichte zum Jahreswechsel 2015/16 ja nun ein Ende gefunden hat.

Fazit: LMP1-Fahrzeug des Jahres war der Porsche 919 Hybrid. In der LMP1-Kategorie lieferten die Werksteams guten Sport auf hohem technischem und fahrerischem Niveau. Allerdings stellte sich schnell heraus, dass bei den 6-Stundenrennen nur vier Kandidaten (zwei Porsche, zwei Audi) für den Sieg in Frage kamen, in Le Mans waren es je drei Fahrzeuge der deutschen Hersteller. Angesichts der meist deutlich unterlegenen Toyotas und der enttäuschenden Besetzung und Leistung der LMP1-Light-Kategorie (Rebellion, CLM P1 ByKolles) war die Wettbewerbsdichte jedenfalls kritisch gering. Für 2016 bleibt zu hoffen, dass Toyota mit dem neuen TS050 wieder aufschließen und die Light-Klasse endlich besser Fuß fassen kann.

WEC LMP2
Die Situation in der LMP2-Klasse stellte sich ähnlich wie im Vorjahr recht positiv dar. Die meisten Privatteams im Bereich der LM-Prototypen wählten diese Kategorie, die damit dicht besetzt war und mit hoher Zuverlässigkeit der Fahrzeuge und spannenden Rennen glänzte. Die beiden modernsten Autos waren der 2014 vorgestellte Ligier sowie der für 2015 neu konstruierte Oreca, beide mit Nissan-Motor ausgerüstet und als Coupé eingesetzt. Am Ende gewann das russische G-Drive-Team mit dem Ligier knapp vor dem neuen Oreca des KCMG-Teams.

WEC Fahrerwertung
WEC-Endurance-Weltmeister 2015 wurden die drei Porsche-Piloten des Fahrzeugs mit der Nr. 18, Marc Webber, Brendon Hartley und Timo Bernhard, allerdings erst nach einer knappen Entscheidung beim letzten Rennen in Bahrein vor den Titelverteidigern von Audi, Lotterer, Tréluyer und Fässler, die weiterhin das überragende Fahrerteam der Jahre ab 2011 darstellen. Nach Siegen hieß die Bilanz dieses Duells 4:2, allerdings profitierten die Porsche-Piloten nach Le Mans mehrmals von der Stallregie der Stuttgarter, über die man als Zuschauer der WEC-Szene sicher geteilter Meinung sein kann. Meine eigene Wertung (siehe Ergebnisübersicht) sieht an der Spitze im Übrigen entsprechend aus.

WEC GT
Der Wettbewerb in der GTE-Pro-Klasse war intensiv und spannend. In der WEC trafen erneut wie schon 2014 Ferrari (F 458), Porsche (911 RSR) und Aston Martin (V8 Vantage) aufeinander, in Le Mans kam noch das Werksteam von Chevrolet mit der Corvette C7R hinzu. Porsche (Team Manthey) war bei vier der acht WEC-Rennen siegreich und in der zweiten Saisonhälfte nach Le Mans dominierend, Ferrari holte zwei Siege und Aston Martin einen. In Le Mans gewann die Corvette die GTE-Pro-Klasse. Die Jahreswertung ging an Porsche bzw. den Manthey 911 mit der Nr. 91, erfolgreichster Fahrer war der Porsche-Pilot Richard Lietz aus Österreich – LMP1 und GTE-Pro waren also 2015 fest in Porsches Hand.

NAEC: GTLM – Das Pendant zur GTE-Pro-Kategorie war bei den USCC-Rennen bzw. den NAEC-Endurance-Prüfungen in Amerika die GTLM-Klasse. Sie war dort sogar noch dichter besetzt, da auch BMW (Z4 GTE) und die Corvette regelmäßig teilnahmen – fünf potente Teams also, die auf Augenhöhe miteinander konkurrierten. In Daytona und Sebring gewann die Corvette C7 die Klasse – sie siegte 2015 also in allen drei Endurance-Klassikern. Und beim Petit Le Mans schaffte der Porsche 911 RSR von Porsche North America sogar das Kunststück, die Gesamtwertung des Rennens vor allen Prototypen zu gewinnen. Das Team um Patrick Pilet gewann damit auch die GTLM-Wertung der amerikanischen Endurance-Serie.

Ergebnisübersicht zu den 11 Endurance-Rennen 2015 (8 WEC-Rennen, 3 NAEC-Rennen, Plätze 1-6, Fahrerwertung)

Piloten-Rangliste auf Basis aller Endurance-Rennen seit 1947
Mit den Ergebnissen für 2015 wird meine Piloten-Rangliste aller Nachkriegs-Endurance-Rennen um ein Jahr fortgeschrieben. Die Regularien meiner Statistik habe ich bereits in einem älteren Bericht festgelegt, daher fasse ich mich hier kurz: In die Wertung werden alle internationalen Endurance-Rennen mit (nahezu) 1000 km Distanz bzw. 6 Stunden Dauer oder mehr aufgenommen, sofern sie für Sportwagen bzw. Prototypen und GT ausgeschrieben waren, unabhängig davon, ob sie WM-Status haben oder nicht. Eine Übersicht zeigt, welche Rennen das seit 1946/47 waren, bis 2015 waren es 494 Rennen. Es gibt eine einfache „Strichliste“ (Liste A: 1 Sieg = 1 Strich = 1 Punkt), bei der alle Fahrer und alle Rennen gleich gewertet werden. Als zweites gibt es eine modifizierte Punkteliste, die die unterschiedliche Zahl von Endurance-Rennen pro Saison ausgleicht und so bei einem historischen Vergleich gerechter ist. Dabei geht man fiktiv davon aus, dass pro Saison immer 10 Rennen ausgetragen wurden – entsprechend zählt ein Sieg in einer Saison mit nur 5 Rennen doppelt so viel wie ein Sieg in einem Jahr mit 10 Rennen, usw. Die Liste B schließlich übernimmt die Punkte aus dieser Liste, zusätzlich wird hier aber für jeden Sieg in Le Mans bzw. bei der Mille Miglia (bis 1957) ein „Sonderpunkt“ vergeben.

Liste A  In der „Strichliste“ bleibt Jacky Ickx mit 36 Endurance-Siegen unangefochten an erster Stelle. Die nächste Gruppe mit Derek Bell (23 Siege), Henri Pescarolo (22), Jochen Mass (21), Tom Kristensen (20), Alan McNish (19) und Brian Redman (19) folgt mit großem Abstand. Von den aktuell aktiven Piloten haben Fässler und Tréluyer die meisten Siege zu verzeichnen (12), sie liegen in der Rangliste A damit auf den Plätzen 11 und 12. Die ebenfalls noch aktiven Piloten Sarrazin, Lotterer und Davidson sind mittlerweile bei 11 Siegen angelangt.

Liste B  In der Punktliste B (mit Le Mans-Sonderpunkten) sieht die Sache anders aus: Hier hatte Tom Kristensen den Belgier Ickx in seiner letzten Saison 2014 noch knapp überholen können (43 zu 41 Punkte), Monsieur und Mister Le Mans bleiben dabei weiterhin deutlich vor ihren Verfolgern, die von Derek Bell angeführt werden (30 Punkte), dahinter folgen Gendebien, Phil Hill, Capello, McNish und Pescarolo. Um die Position 20 folgen die nach dieser Liste erfolgreichsten noch aktiven Fahrer: Fässler, Tréluyer und Lotterer.

Wichtige LMP- und GTE-Fahrzeuge der Saison 2015 – Modelle im Maßstab 1:43, Stand Januar 2016
Modellsammler, die sich nur für die Le Mans-Fahrzeuge interessieren, können sich freuen: Spark wird fast alle Teilnehmer des 24-Stunden-Rennens vom Juni 2015 produzieren. Lediglich die diversen Ferrari F 458 werden abweichend davon von Look Smart produziert, wiederum in bewährter Spark-Qualität. Der F 458 kommt vermutlich auch noch vom Premium-Hersteller BBR. Abseits von Le Mans sich die Modellsammler mit vereinzelten Modellen aus Sonderserien begnügen. So werden die drei LMP1-Protagonisten Porsche, Audi und Toyota in der Version der 6-Stundenrennen am Beispiel des Rennens von Fuji produziert. Ansonsten sind Angebote zu weiteren Rennen der Saison 2015 noch nicht bekannt.

Im Bausatz-Bereich gibt es Anfang 2016 nur eine Meldung (siehe Grand Prix Models): Der japanische Kit-Hersteller „Studio 27“ wird die drei Porsche 919 Hybrid Le Mans 2015 produzieren.

Die folgende Liste zeigt eine Auswahl der für den Rennverlauf in Le Mans und für die Saison 2015 allgemein bedeutsamen Fahrzeuge, die von Spark (bzw. Look Smart im Falle Ferrari) geplant sind oder bereits angeboten werden.
Porsche 919 Hybrid / Audi R18 quattro / Toyota TS040 Hybrid / Rebellion R-One / Ligier Nissan JS P2 G-Drive / Oreca Nissan 05 KCMG / Porsche 911 RSR Manthey / Corvette C7R / Ferrari F458 AF Corse / Aston Martin v8 Vantage (und meinetwegen noch der Nissan GT-R LM).

Quellen:
Diverse Internetseiten zu den 24 Stunden von Le Mans (z.B. die offizielle ACO-Seite), zur WEC- und zur NAEC-Meisterschaft (unter dem Namen „IMSA“), das Internet-Journal „Speedweek” sowie die besonders zu empfehlende Seite „GT Eins” (in deutscher Sprache). Außerdem: Print-Journal „Motorsport Aktuell”.

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